Alkohol ist auch (k)eine Lösung

Alkoholkonsum direkt nach einer Lerneinheit verbessert den Lerneffekt. Oder besser gesagt: Der Alkoholkonsum verringert das Vergessen vorher gelernten Fakten. Eine Aussage, die im ersten Augenblick völlig überrascht, aber schon seit dem Jahr 1981 in der Wissenschaftswelt herumgeistert. Mehrere unabhängige Arbeitsgruppen aus England1, Kanada2,3 und den USA4,5 berichteten in den letzten 36 Jahren von diesem positiven Effekt des Alkohols auf das Gedächtnis.

Alkohol

Drei Freunde trinken Gin Tonic in einer Bar. Photocredits: Anja Gebhardt

Freiwillige Teilnehmer mussten sich vor Alkoholkonsum eine bestimmte Anzahl an Wörtern, Sätzen oder Bildern merken. Nachdem sie wieder nüchtern waren, testeten die Wissenschaftler durch gezielte Fragen die Erinnerung an die vorher gelernten Fakten. Es traten immer zwei Gruppen gegeneinander an: die alkoholkonsumierenden „Trinker“ und die nüchtern bleibenden „Trockenen“. Die meisten Studien verliefen unter definierten Bedingungen, also mit genau berechneten Alkohol-Mengen in den jeweiligen Laboren. Die neueste Studie unterschied sich von den anderen: hier hielten sich die Teilnehmer in ihren eigenen Wohnungen auf und bestimmten selbst die Menge an Alkohol, die sie im Anschluss zu sich nahmen. Die Wissenschaftler wollten untersuchen, ob die Effekte auch unter möglichst realitätsnahen Bedingungen („social drinking“) auftreten.

Das Ergebnis war in allen Studien vergleichbar: die „Trinker“ schnitten in den Befragungen am nächsten Morgen deutlich besser ab als die „Trockenen“, sie konnten sich an mehr Wörter, Sätze oder Bilder erinnern. Noch dazu beeinflusste die Menge an konsumierten Alkohol nach der Lerneinheit den Lernerfolg. Je mehr sie tranken, desto mehr Fragen konnten sie am nächsten Morgen richtig beantworten. Viel hilft viel?

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Je mehr die Teilnehmer tranken, desto besser schnitten sie am nächsten Morgen bei dem Test ab. Quelle: https://www.nature.com/articles/s41598-017-06305-w/figures/6

Doch wie erklären sich die Fachleute dieses Ergebnis? Eigentlich ist Alkohol bekannt dafür, unser Gedächtnis massiv zu beeinträchtigen. Die weltweit verbreitete Droge bindet an bestimmte Proteine in unserem Gehirn und verändert so das biochemische Gleichgewicht. Vor allem die wichtigste Region für die Gedächtnisbildung – der Hippocampus – ist stark betroffen. Informationen und Erinnerungen gelangen als kleine Stromimpulse in unser Gehirn. Die Impulse werden von einer neuronalen Zelle zur nächsten weitergeleitet. Alkohol bindet unter anderem an die GABA-A Rezeptoren und aktiviert diese damit. Diese Rezeptoren gehören zu den inhibierenden Systemen im Gehirn, sie setzen also die Schwelle für die benötigte Stärke des Stromimpulses für eine Weiterleitung hoch. Durch die Aktivierung der Rezeptoren gelangen deshalb weniger Stromimpulse in den Hippocampus. Alkohol bindet zusätzlich auch noch an eine weitere Klasse von Proteinen im Gehirn: die NDMA-Rezeptoren. Hier hemmt die Bindung die Aktivität der Rezeptoren und erschwert somit ebenfalls die Weiterleitung der elektrischen Impulse im Gehirn.  Zwei verschiedene Wege, die gemeinsam dazu führen, dass wir uns mit Alkohol im Blut generell weniger neue Dinge merken können.

Gelangweilter Hippocampus oder tiefer Schlaf sind verantwortlich

Warum verbessert Alkohol nun aber die Lernleistung, wenn er direkt nach einer Lernphase konsumiert wird? Die Wissenschaftler haben hierfür verschiedene Erklärungen: vielleicht verhindert der Alkoholkonsum die sogenannte „retroaktive Interferenz“ im Gehirn6. Durch die verlangsamte Weiterleitung neuer Erlebnisse kommen deutlich weniger neue Informationen im Hippocampus an. Dieser ist in der Folge unterfordert und verarbeitet deshalb – quasi aus Langeweile – besonders intensiv die Informationen, die direkt vor dem Alkoholkonsum ankamen. Eventuell ist auch ein verändertes Schlafverhalten nach Alkoholgenuss an dem Phänomen beteiligt: neue Erinnerungen werden hauptsächlich in der Tiefschlafphase („slow wave sleep, SWS“) im Hippocampus abgelegt6. Wer schon einmal die Nacht neben einer betrunkenen Person verbringen durfte, weiß, wie nahezu komatös diese schlafen. Alkoholkonsum führt zu mehr und zu längeren Tiefschlafphasen, ergo hat das Gedächtnis mehr Zeit, um die neuen Erinnerungen fest einzubrennen.

Welche von den beiden Theorien nun stimmt oder ob es vielleicht sogar einfach ein Zusammenspiel beider Mechanismen ist, bleibt erstmal offen. Alkohol als Lernhilfe zu betrachten, ist aber wegen der sonst eher negativen Effekte auf Körper und Geist nicht unbedingt ein kluger Schachzug. Eins ist aber klar: Studentenpartys ergeben plötzlich richtig Sinn. Und vielleicht schreiben nicht nur die Klügsten die besten Noten, sondern auch die Studenten, die am meisten Alkohol trinken?

1 Carlyle, M. et al. Improved memory for information learnt before alcohol use in social drinkers tested in a naturalistic setting.  Sci Rep. 2017 Jul 24;7(1):6213 (2017)

2 Mann, R. E., Cho-Young, J. & Vogel-Sprott, M. Retrograde enhancement by alcohol of delayed free recall performance. Pharmacol. Biochem. Behav. 20, 639–642 (1984)

3 Bruce, K. R. & Pihl, R. O. Forget “drinking to forget”: enhanced consolidation of emotionally charged memory by alcohol. Exp. Clin.Psychopharm. 5, 242–250 (1997)

4 Parker, E. S. et al. The alcohol facilitation effect on memory: a dose-response study. Psychopharmacology. (1981).

5Lamberty, G. J., Beckwith, B. E., Petros, T. V. & Ross, A. R. Posttrial treatment with ethanol enhances recall of prose narratives. Physiol. Behav. 48, 653–658 (1990)

6 Mednick, S. C., Cai, D. J., Shuman, T., Anagnostaras, S. & Wixted, J. T. An opportunistic theory of cellular and systems consolidation. Trends Neurosci. 34, 504–514

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